Erinnerst Du Dich?

Oder: Waren die Achtziger doch nicht so schlecht?

Ist der technische Fortschritt heute schon gar nicht mehr zu bremsen und ein Produkt quasi bereits veraltet, in dem Moment, in dem man es kauft, kann ich mich doch auch noch an eine Zeit der Beständigkeit erinnern.

Wenn mein Sohn heute mit Opa telefonieren möchte und dabei zufällig gerade auf der Müritzer Seenplatte im Kanu unterwegs ist, so findet er das ganz normal (und ich ja immerhin auch). Einfach die Anrufliste der letzten 150 Gespräche, oder das Adressbuch, nach Namen sortiert, im Handy aufrufen und man kann unbeschwert losplaudern. Time & more 120, 9,9 Cent/Minute in alle Netze, Base, was weiß denn ich noch so an Angeboten …

Als ich meine Oma damals anrufen wollte gestaltete sich das alles noch etwas anders (aus heutiger Sicht enorm schwierig).
Ich habe bei meiner Mutter gefragt, wo denn in dem Adressbüchlein, das immer beim Telefon lag, die Nummer von Oma & Opa steht und mich dann ans Telefon begeben. Und jetzt kommt’s: Das Telefon war grau, hatte einen Hörer, eine Wählscheibe und ein Kabel – Ende der Durchsage! Ja liebe Freunde, keinen Akku, kein WAP, kein GPRS, keinen Nummernspeicher, keine SMS/MMS, keine Spiele – das Telefon stand zu Hause im Flur, verbunden mit der weiten Welt durch ein Kabel (ja richtig gelesen!) und diente – man höre und staune – einzig und allein dem telefonieren. Die Telefonnummer zu wählen war kein Tastendruck, sondern eine Prozedur. Wählte man mittels der Wählscheibe zum Beispiel eine 3, hörte man im Hörer dreimal ein kurzes Klicken, wählte man eine 9 … naja, ich denke, Ihr habt’s begriffen, oder wisst es selbst noch, aber eine 7-stellige Nummer war halt noch echte Handarbeit.
War die Verbindung erstmal hergestellt, konnte man in meiner frühsten Jugend noch nach Herzenslust, solange wie man wollte, für „um und bei“ 24 Pfennige quer durch die Stadt telefonieren.

Wer heute „hip“ sein will, der ist stolzer Besitzer eines iPhones (jedenfalls zum Zeitpunkt „jetzt“, da ich diesen Artikel schreibe [s. o. „… ein Produkt ist quasi bereits veraltet …“]), wer damals seinem Besuch zeigen wollte, dass bei ihm Fortschritt und Wohlstand gleich wohl zu Hause sind, der kleidete sein oben beschriebenes Telefon in eine elegante Samthülle (wahlweise in bordeauxrot oder dunkel-popel-grün) und stellte es auf das optisch abgestimmte, mechanische Telefonregister, welches Buchstabentasten von A-Z hatte, um den Schnellzugriff auf Omas Nummer zu gewährleisten.
Update: Und wer heute “retro-hip” sein will, der hat die gute alte Wählscheibe auf seinem iPhone als Gimmick installiert.

Das waren noch Zeiten … und mal ehrlich – ich wünsche mir manches Mal, dass telefonieren, wie damals, nur von zu Hause, vom Arbeitsplatz oder der Telefonzelle ginge.
Z. B. wenn mein Vordermann im Feierabendverkehr verzweifelt feststellt, dass er mit seinen nur zwei Händen, dem Schaltknüppel, dem Handy und seiner Freundin neben sich doch nach wie vor überfordert ist, oder wenn ich (was selten vorkommt) mit der Bahn unterwegs bin und mir vorkomme wie in einem Call-Center des HVV, oder …

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